Australien könnte Österreich mit einer eigenen Skihalle zuvorkommen. Dann nämlich, wenn eine in Western Sydney projektierte Winter Sports Worldtatsächlich gebaut wird. No kangaroos in Austria, and no indoor snow centres either. Derzeit zumindest, denn vor knapp hundert Jahren gab es in Wien schon einen Schneepalast.
++ Ein Gastbeitrag von Markus Redl, CEO ecoplus Alpin GmbH ++
Als heuer im Sommer sogar in Zermatt am Fuße des Matterhorns kein Gletschertraining mehr möglich war, mussten die Kinder des örtlichen Skiklubs in eine belgische Skihalle ausweichen. Sie waren damit nicht allein.
Daher bringt Ski Austria-Präsidentin Roswitha Stadlober derzeit wieder einmal das Thema Skihalle aufs Tapet, greift dabei sogar meinen Vorschlag eines multifunktionalen Nationalstadions von vor zwei Jahren im Der Standard auf: Warum kein Nationalstadion samt Skihalle? Schlüsselsatz im damaligen Kommentar: „Um ein führendes Wintersportland der Welt zu sein, braucht die Skination Österreich früher oder später eine Skihalle.“
Das Sportministerium stellt dem ÖSV derzeit jährlich rund zwei Millionen Euro für Trainings- und Rennmöglichkeiten in Skigebieten zur Verfügung. Eine Skihalle wäre zweifellos eine „Sportstätte von gesamtösterreichischer Bedeutung“ nach dem Bundes-Sportförderungsgesetz 2017, kostet allerdings in der Errichtung schnell einmal deutlich mehr als 100 Millionen Euro. Und auch der Betrieb ist nicht gerade billig.
Grund genug, um hier fünf zentrale Fragen für eine Skihalle in Österreich zu diskutieren:
1. Wer ist die Zielgruppe?
Training (und fallweise sogar Wettkampf) für Athletinnen und Athleten aus dem organisierten Sport findet derzeit im Ausland statt. Wenn so wie bei SNØ in der Nähe von Oslo die Leistungssportschule gleich gegenüber ist, dann kann Schneetraining ohne Wetterrisiko wie in einer Sporthalle praktisch täglich durchgezogen werden. Die freizeittouristische Nutzung ist sogar noch weniger saisonalen Schwankungen unterworfen: Von Schulveranstaltungen, allen möglichen sozialen Anlässen wie Firmenfeiern oder Junggesellenabschieden bis zum gezielten Training vor dem Skiurlaub ist eine große Bandbreite gegeben.
Von hoher Bedeutung sind aber auch Gäste, die – z. B. beim Rodeln – zum allerersten Mal Spiel und Spaß im Schnee erleben. Alle diese Zielgruppen können bei entsprechender Organisation parallel bedient werden, kommen sich im wahrsten Sinne des Wortes auf ihren „Lines“ nicht in die Quere.
Eine Skihalle für Österreich muss Leistungssport, Freizeitvergnügen und ersten Schneekontakt unter einem Dach verbinden.
2. Was ist der ideale Standort?
In Österreich bieten einzig und allein Wien und Umgebung sowohl ein großes Potenzial an Wohnbevölkerung (grenzüberschreitend rund 4 Millionen Menschen bei höchstens 90 Minuten PKW-Anreise) als auch mehr als 10 Millionen Gästeankünfte pro Jahr. Natürlich spielt zudem die gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Rolle. Genauso zählt das Einzugsgebiet in Mittel- und Osteuropa, wiewohl derzeit z. B. bereits an einem großen Skihallenprojekt in der Nähe von Krakau gearbeitet wird.
In Europa nutzen Skihallen aus Kostengründen zumeist bestehendes Gelände mit gut 100 Metern Höhenunterschied, das wie beim alpincenter Bottrop auch eine Halde sein kann. In China mit seinen bald 70 Skihallen wird hingegen in der (subtropischen) Ebene wie bei SHANGHAI L+SNOWgerne auf 60 Meter hohe Stützen gebaut.
Die Skihalle gehört dorthin, wo die Menschen sind: in den gut erreichbaren Großraum Wien.
3. Was ist das Geschäftsmodell?
In der Schweiz wurde bereits 2008 durch einen Schulterschluss der Branche eine Machbarkeitsstudie für eine Schneesporthalle erstellt. Bei Investitionskosten in Höhe von rund 100 Millionen Euro wurde im realistischen Szenario für den Betrieb mit jährlich 215.000 Besuchen gerechnet, was einen jährlichen Fehlbetrag von mehr als zwei Millionen Euro zeitigt (jeweils auf heutige Preise hochgerechnet). Eine damalige Empfehlung war, sich um „Sponsoring“ zu kümmern. Partnerschaften mit Tourismusregionen sind – wie das langjährige Engagement von SalzburgerLand Tourismus beim Alpenpark Neuss zeigt – gang und gäbe, auch Namensrechte werden gern vergeben.
Eine Skihalle treibt üblicherweise das aus Nordamerika bekannte Resortprinzip – alles aus einer Hand – auf die Spitze: Erlöse sollen nicht nur aus dem Ticketverkauf für das Schneeerlebnis und andere Attraktionen im Umfeld entstehen, sondern auch aus Gastronomie und Hotellerie, Ausrüstungsverleih, Schneesportschule sowie gegebenenfalls Immobilienentwicklung und Wirtschaftskooperationen. Betreiber von mehreren Standorten wie SnowWorld nutzen noch darüber hinaus Skalenerträge.
Das Geschäftsmodell muss über die Piste hinausgehen: Entscheidend ist das Zusammenspiel von Schneesport, Gastronomie, Hotellerie und Partnerschaften.
4. Woher kommt die Energie?
Skihallen sind energieintensive Bauten. Kältetechnik, Beschneiung, Beleuchtung, Pistenpräparation und Lüftung arbeiten, damit die Anlage bei konstanten Minusgraden das ganze Jahr über betrieben werden kann. Photovoltaik auf großen Dachflächen ist gelebte Praxis: Die SnowWorld-Standorte Zoetermeer und Landgraaf erzeugen laut den veröffentlichten Projektangaben mit insgesamt rund 13.000 Photovoltaikmodulen jährlich etwa 2.500 MWh Strom. Generell gilt: Die Abwärme der Kälteanlagen kann für die Beheizung von Hotel- und Gastronomiebereichen bzw. Warmwasser sorgen.
Energie ist bei einer Skihalle spielentscheidend, Branchenschätzungen beziffern den jährlichen Energieverbrauch für Kühlung auf rund 8.000 bis 15.000 MWh je Anlage. Bei einem angenommenen Strompreis von 150 Euro je MWh entspräche dies jährlichen Stromkosten von 1,2 bis 2,25 Millionen Euro. Andere Marktanalysen beziffern die Energiekosten auf 28 bis 35 Prozent der gesamten Betriebskosten. Nach veröffentlichten Angaben stehen bei SNØ einem jährlichen Strominput von rund 5.700 MWh etwa 8.700 MWh bereitgestellte Kälte und 7.000 MWh Wärme gegenüber. Die Anlage versorgt außerdem umliegende Gebäude mit Fernkälte: Norway’s SNØ Indoor Snow Centre Is More Than Carbon Neutral.
Eine Skihalle braucht zuerst ein tragfähiges Energiekonzept: Energieproduktion, Kälteerzeugung und Abwärmenutzung müssen gemeinsam geplant werden.
5. Löst eine Skihalle Nachwuchssorgen?
Eine Skihalle ist kein Allheilmittel gegen rückläufige Nachwuchszahlen beim Skisport, kann aber eine infrastrukturelle Lücke schließen: Sie bringt den Schneesport dorthin, wo viele Kinder und Jugendliche leben – in die Stadt und in deren Umland. Der große Vorteil liegt im niedrigschwelligen Erstkontakt. Skigebiete wie Annaberg, Mönichkirchen oder St. Corona am Wechsel sind zwar nah an der Agglomeration Wien gelegene Ausbildungszentren, stehen aber natürlich nur rund 100 Tage in der Wintersaison zur Verfügung; eine Skihalle hingegen kann (bis auf Wartungszeiten) garantiert ganzjährig und von früh bis spät genutzt werden.
Das vom Wiener Skiverband organisierte Modell von ersten Rutsch- und Gleiterfahrungen auf einer Trockenpiste in Mauerbach und darauffolgender ganztägiger Schulveranstaltung in einem Skigebiet in Niederösterreich ist ausbaufähig. Moderne Dryslopes wie zum Beispiel CopenHill am Dach einer Müllverbrennungsanlage in Kopenhagen können mit Freestyle-Elementen an die urbane Sportkultur anknüpfen. Und genau darum geht es: Ähnlich wie alpine Vereine erfolgreich Kletterhallen für Ausbildung und Nachwuchspflege nutzen, so sind Skihallen und Trockenpisten ein Katalysator für den Schneesport, zukünftig auch Teil der alpinen Sport- und Freizeitkultur.
Eine Skihalle allein schafft noch keinen Nachwuchs – aber die ganzjährige Bühne, auf der Schulen, Vereine und Skigebiete ihn gemeinsam gewinnen können.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im TP-Blog.