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Forschungsupdate: Der Kampf um die Talente – Ein Blick in die Zukunft des österreichischen Fußballs [Partner-News]

(c) GEPA pictures/ Armin Rauthner

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Eine Studie der Forschungsinitiative Sport & Management (RISM) an der Wirtschaftsuniversität Wien untersucht die zunehmende Mobilität im Verbandsfußball und das daraus entstehende Risiko von Talentabwanderungen für den Österreichischen Fußball-Bund.

++ von Sebastian Hattinger, Jakob Müllner, Jonas Puck – Wirtschaftsuniversität Wien ++

Immer wieder entscheiden sich Spieler, die in Österreich geboren und ausgebildet wurden, aufgrund ihrer familiären Wurzeln, für andere Nationalverbände. Die Entscheidung von Leon Grgić, künftig für Kroatien statt wie bisher für Österreich zu spielen, sorgte nicht nur in den heimischen Medien, etwa in der Wiener Zeitung, für Aufsehen, sondern wurde auch unter Fans und in Fußballösterreich intensiv diskutiert. Während diese Entscheidungen individuell nachvollziehbar sind, entsteht daraus für den ÖFB ein strukturelles Risiko, da Ausbildungsinvestitionen anderen Nationen zugutekommen. Gleichzeitig könnten sich Chancen auftun, etwa, wenn Talente mit österreichischen Wurzeln überzeugt werden können, künftig für die heimische Nationalmannschaft zu spielen.

In Kooperation mit dem ÖFB wurde im Rahmen des Projekts „Talent Mobility“ das Ausmaß dieser Mehrfachspielberechtigungen erstmals empirisch gemessen. Auf Basis der ÖFB-Datenbank mit über 214 000 registrierten Spieler:innen kam eine KI-gestützte Software zur ethnolinguistische Herkunftszuordnung (Namsor) zum Einsatz, die familiären Wurzeln probabilistisch ermittelt. Ergänzend wurden die Nachwuchskader von neun europäischen Verbänden analysiert, um Österreichs Situation im europäischen Vergleich einzuordnen.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Anteil potenziell mehrfachspielberechtigter Spieler in österreichischen Nachwuchsakademien und -zentren seit den 1990er-Jahren von rund 22% auf 40-45% gestiegen ist. Während der Anteil in den Akademien kontinuierlich steigt, zeigt sich in den U-Nationalteams ein noch drastischeres Bild: Rund 53% der aktuellen ÖFB-Nachwuchsnationalspieler sind für mehr als einen Verband spielberechtigt, ein europaweit überdurchschnittlicher Wert. Das bedeutet: Der ÖFB investiert erhebliche Ressourcen in Talente, die später auch für andere Nationen spielen könnten. Verbände mit einer großen Diaspora werben gezielt um solche Spieler, und profitieren sportlich von der Ausbildungsarbeit anderer Nationen. Österreich verfügt hingegen nur über eine kleine Diaspora und gewinnt selbst kaum Talente aus dem Ausland, ein strukturelles Ungleichgewicht: Ausbildungsnationen tragen die Kosten, während rekrutierende Verbände die Erträge ernten.  Die aufnehmenden Verbände profitieren dabei nicht nur vom oftmals höheren individuellen Talent der gewonnenen Spieler. Studien, wie Glennon et al. (2024), zeigen zudem, dass größere Diversität in Fußballteams mit einer besseren Gesamtleistung und variableren Spielweisen einhergeht.

Die Studie liefert dem ÖFB eine datenbasierte Grundlage, um Talente strategisch besser zu binden, und zeigt den Bedarf an internationalen Regelreformen, die Ausbildung und Fairness stärker berücksichtigen. Denn derzeit profitieren manche Verbände von der Ausbildungssystemen anderer Länder, ohne selbst in diese zu investieren.

Executive Summary: Der Kampf um die Talente

Rund 53 % der Spieler in Österreichs Nachwuchsnationalteams sind potenziell für andere Verbände spielberechtigt, ein strukturelles Risiko für den ÖFB und Teil eines globalen Trends. Fälle wie unlängst Leon Grgić, aber auch Robert Ljubičić, Luka Sučić, Amar Dedić und Mert Müldür verdeutlichen dies. Sie alle wurden in Österreich geboren, im ÖFB-System ausgebildet, und waren teils für ÖFB-Nachwuchs-nationalmannschaften aktiv, entschieden sich dann aber dennoch für andere Verbände. Gerade die Entscheidung von Leon Grgić, künftig für Kroatien statt, wie bisher, für Österreich zu spielen, sorgte nicht nur in den heimischen Medien, etwa in der Wiener Zeitung, für Aufsehen, sondern wurde auch unter Fans und in Fußballösterreich intensiv diskutiert.

Solche Entscheidungen sind im Einzelfall legitim, zeigen aber eine strukturelle Dynamik: Österreich investiert in Talente, andere Verbände profitieren. Gegenbeispiele wie Tomas Händel, der nach einer ÖFB-Anfrage einen Wechsel von Portugal nach Österreich erwägt, zeigen jedoch, dass Mobilität auch Chancen birgt, die strategisch genutzt werden können.

Die zunehmende Mobilität im Verbandsfußball ist kein rein österreichisches Phänomen, sondern Teil eines größeren Trends. Der Anteil von Spielern, die bei Weltmeisterschaften nicht für ihr Geburtsland antreten, stieg seit 1994 von 8 % auf 17 %, Ausdruck einer zunehmend vernetzten Welt zwischen individueller Freiheit und institutioneller Verantwortung.

Ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen

Der Diskurs über die Ausbildung junger Talente und ihr potenzielles Abwanderungsrisiko spiegelt auch über den Fußball hinaus eine breitere gesellschaftliche Entwicklung wider. Ob im Gesundheitswesen, wo aktuell über Rückverpflichtungen von Medizinabsolvent:innen diskutiert wird, oder in Unternehmen, die in Mitarbeiterentwicklung investieren und sie an global attraktivere Arbeitgeber verlieren, überall zeigt sich derselbe Zielkonflikt zwischen individueller Mobilität und institutioneller Bindung. Der Fußball bietet dafür ein besonders transparentes Beobachtungsfeld: Jede Entscheidung für oder gegen einen Verband ist sichtbar und quantifizierbar. Dadurch liefert er nicht nur sportliche, sondern auch sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Einsichten, etwa darüber, wie Institutionen auf Mobilität reagieren, welche Strukturen Bindung fördern und wie Regelwerke Anreize formen.

Empirische Evidenz

Um das Phänomen messbar zu machen, haben Forscher der Wirtschaftsuniversität Wien im Rahmen der Forschungsinitiative Sport & Management (RISM) das Projekt „Talent Mobility“ gestartet. Als Teil dieses Projektes sollen, gemeinsam mit dem ÖFB, das Risiko potenzieller Verbandswechsel empirisch erfasst werden.

Als Grundlage diente die ÖFB-Datenbank mit über 214 000 registrierten Spielerinnen und Spielern. Da formale Staatsbürgerschaften allein das Risiko nicht vollständig abbilden (Talente könnten später durch ihre familiäre Herkunft weitere Pässe erwerben) wurde ein KI-gestützter Ansatz gewählt. Mithilfe der Software Namsor wurde auf Basis von Vor-, Nach- und Wohnort die wahrscheinlichste familiäre Herkunft bestimmt, eine in der Forschung etablierte Methode zur ethnolinguistischen Herkunftszuordnung. Es wird regelmäßig in sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Studien eingesetzt und von mehreren renommierten internationalen Institutionen (unter anderem Harvard, OECD, Weltbank), in Projekten zur Analyse von Diversität und globaler Mobilität verwendet. Ergänzend wurden die Nachwuchskader von neun europäischen Verbänden, darunter die Schweiz, Kroatien, Bosnien, Dänemark, Schweden und die Türkei, analysiert, um Österreichs Situation im europäischen Vergleich einzuordnen.

Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: Der Anteil potenziell mehrfachspielberechtigter Spieler im österreichischen Nachwuchs steigt kontinuierlich an, von etwa 22 % in den frühen 1990er-Jahrgängen auf 40-45 % in den jüngsten, aktuellen Ausbildungsjahrgängen. Besonders häufig tritt Mehrfachspielberechtigung bei Talenten mit familiären Wurzeln in Deutschland, den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Türkei auf.

Der internationale Vergleich zeigt: Rund 53 % der ÖFB-Nachwuchsspieler sind potenziell für mehr als einen Verband spielberechtigt, ein überdurchschnittlich hohes Risiko. Nur die Schweiz (76 %) und Bosnien (72 %) sind stärker betroffen. Dagegen liegen Verbände wie Kroatien (22 %), Serbien (18 %), und die Türkei (6 %), deutlich darunter.

Auffällig ist auch die Struktur des Risikos: Österreichs Spieler mit Mehrfachspielberechtigung haben häufig Zweitpässe von Nationen, welche für ihr intensives Werben um Talente bekannt sind. Darunter fällt zum Beispiel der kroatische Verband, der regelmäßig und weltweit Sichtungscamps für Talente mit kroatischen Wurzeln veranstaltet. Gleichzeitig ist Österreich aufgrund der vergleichsweise kleinen Diaspora im Ausland kaum in der Lage, selbst in ähnlichem Umfang Talente zu gewinnen.

Das bestätigt auch die Studie: In den Kadern der österreichischen Nachwuchsnationalmannschaften finden sich nur vereinzelt Spieler, die zuvor für andere Verbände aktiv waren, ein Hinweis darauf, dass Österreich vor allem Ausbildungs-, nicht aber Rekrutierungsland ist. Diese Asymmetrie führt dazu, dass Ausbildungsverbände wie Österreich die Kosten der Ausbildung tragen, während andere Verbände, mit größerer Diaspora oder einfacheren Passverfahren, sportlich profitieren. Die Daten belegen damit ein strukturelles Ungleichgewicht im internationalen Fußball und liefern eine Grundlage für Gegenmaßnahmen. Die aufnehmenden Verbände profitieren dabei nicht nur vom oftmals höheren individuellen Talent der gewonnenen Spieler. Studien, wie Glennon et al. (2024), zeigen zudem, dass größere Diversität in Fußballteams mit einer besseren Gesamtleistung und variableren Spielweisen einhergeht, weil unterschiedliche Hintergründe neue strategische Optionen und Koordinationsmuster eröffnen.

Der ÖFB hat das Thema inzwischen strategisch aufgegriffen. In den vergangenen Jahren wurde die Talentbindung systematischer angegangen, unter anderem durch die Einrichtung einer Koordinationsstelle für Nachwuchsnationalteams unter der Leitung von Sebastian Prödl. Ziel ist, Talente frühzeitig zu begleiten, realistische Karrierepfade im ÖFB-System aufzuzeigen und Bindung nicht über Zwang, sondern über Identifikation und Perspektive zu schaffen.

Parallel dazu arbeitet der Verband daran, die Folgen des derzeitigen FIFA-Regelwerks zu adressieren. Die internationalen Bestimmungen erlauben Spielern, einmalig den Verband zu wechseln. Frühe Entscheidungen unter externem Druck, etwa aus dem persönlichen Umfeld oder von Agenten, sind oft irreversibel, mit Härtefällen für Spieler, die ihre Wahl später bereuen. Eine Reform, die Ausbildungsleistungen und Fairness stärker berücksichtigt, würde daher beiden Seiten helfen: den Verbänden ebenso wie den betroffenen Spielern. Ein Modell, das Ausbildungsverbände bei Verbandswechseln, ähnlich wie im Vereinsfußball bei Transfers, finanziell oder strukturell kompensiert, könnte ein gerechteres Gleichgewicht schaffen und Fehlanreize reduzieren.

Fazit und Ausblick

Österreich verliert Talente nicht zufällig, sondern aufgrund struktureller Rahmenbedingungen, die für Verbände mit vielfältigerem Talentepool besondere Risiken bergen. Die Studie macht die Dynamik sichtbar und zeigt: Durch datenbasierte Analyse, aktive Talentarbeit und internationale Reformen ist die Situation gestaltbar.

Der Fußball verdeutlicht exemplarisch, Mobilität, Chancengleichheit und Systemfairness sind eng verknüpft: Talente zu fördern ist wichtig, sie zu halten entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit. Die Studie liefert Erkenntnisse für den ÖFB und zeigt, wie datenbasierte Forschung strategische Entscheidungen im Sport unterstützen kann.

Das Projekt „Talent Mobility“ ist Teil der Forschungsinitiative zu Sport und Management (RISM) an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ziel der Initiative ist es, Sport, Management und Gesellschaft in Lehre, Forschung und Praxis zu verbinden. Aktuell laufen neben dem Forschungsprojekt zu Talent Mobility auch weitere Studien zu Themen wie Wertschöpfung und Eigentümerstrukturen im Profifußball. Als Teil der Partnerschaft mit Sportsbusiness.at informiert RISM regelmäßig über praxisrelevante Forschungsergebnisse aus der Welt des Sportmanagements. Bei Interesse an Forschung oder Kooperationen melden Sie sich jederzeit gerne unter rism@wu.ac.at

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